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Selbstorientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit
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Wir leben gegenwärtig in paradoxen Verhältnissen: Die schon länger zu bemerkende allgemeine Verunsicherung (Stichwort VUCA-Welt) nimmt angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in jüngster Zeit weiter zu und ist mittlerweile wohl oft bereits in Orientierungslosigkeit umgeschlagen. Sicherheiten schwinden selbst dort, wo sie auch in einer volatilen Welt immer noch als einigermaßen stabil galten: Verlässlichkeit in demokratischen Prozessen, bei der Achtung der Gewaltenteilung, bei Absprachen in der internationalen Staatengemeinschaft, bei Qualitätsstandards in seriösen Medien etc. ist auch in westlichen Ländern keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine solche Situation verlangt nach einer Neubesinnung, in der die Grundlagen des Zusammenlebens mit Beharrlichkeit neu bedacht werden. Tragen die alten Begrifflichkeiten noch, z.B. „Demokratie“? Stattdessen drängen sich uns von allen Seiten – nicht selten ungefragt – Antworten auf, die die Verunsicherung vordergründig überdecken, letztlich aber nicht beheben. Das fängt an bei den zahlreichen Werbeversprechen, durch Training „garantiert“ resilienter, erfolgreicher, leistungsfähiger, glücklicher etc. zu werden, und endet mit einer Inflation an Antworten durch neue technische Entwicklungen.
Die leichte Verfügbarkeit der Künstlichen Intelligenz (KI) und die alltägliche Präsenz der sozialen Medien sorgen dafür, dass wir blitzschnell mit Antworten bedient werden, bevor wir uns der Orientierungslosigkeit in ihrem ganzen Ausmaß überhaupt ausgesetzt haben. KI-Modelle sind darauf programmiert, stets Antworten zu liefern, so dass sie im Zweifelsfall eher etwas erfinden als zu signalisieren, dass sie zu einem bestimmten Thema nichts Passendes parat haben.
Eine aktuelle Studie der European Broadcasting Union (EBU) unter Federführung der BBC (News Integrity in AI Assistants Report) fand heraus, dass 45 % der untersuchten KI-Antworten mindestens einen erheblichen Fehler enthalten. Untersucht wurden über 3000 KI-Antworten von vier verschiedenen KI-Assistenten aus 18 Ländern. Journalisten überprüften die Ergebnisse nach den Kriterien Genauigkeit der Information, Genauigkeit direkter Zitate, Quellenangaben, Unterscheidung zwischen Fakten und Meinung und der Bereitstellung von Kontext. In allen Bereichen fanden sie Fehler, am häufigsten (31 %) fielen gravierende Fehler bei den Quellenangaben auf: Die genannten Quellen passten nicht zum dargestellten Sachverhalt oder zu den im Text angegebenen Namen, und teilweise waren überhaupt keine Quellen verzeichnet. Zitate stimmten im Wortlaut nicht immer genau mit der angegebenen Quelle überein oder das Zitat fand sich überhaupt nicht in der Quelle. Trotz dieser Mängel gehen viele Nutzer davon aus, dass KI-generierte Zusammenfassungen von Nachrichten korrekt seien. Das ergab eine weitere Studie der BBC (Research Findings: Audience Use and Perceptions of AI Assistants for News): Mehr als ein Drittel der Erwachsenen in Großbritannien halten KI-Assistenten für vertrauenswürdig, unter den 35-Jährigen sind es die Hälfte. Viele glauben, dass KI „weniger anfällig für Fehler und Voreingenommenheit“ sei als Menschen! Der Anschein der “Objektivität“ der KI verleite viele Nutzer dazu, sich in falscher Sicherheit zu wiegen.
Auch die Kommunikationsformen in den sozialen Medien verstärken die Dominanz der schnellen Antwort. Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout bringt den Charakter der Online-Kommunikation, in der die Reaktion der User zur wichtigsten Währung geworden sei, folgendermaßen auf den Punkt: Während die Massenmedien des 20. Jahrhunderts von Jean Baudrillard als „Rede ohne Antwort“ beschrieben wurden, da keine Interaktion mit dem Zuschauer und Zuhörer möglich war, lasse sich die Online-Kommunikation des 21. Jahrhundert nach Kohout umgekehrt als „Antwort ohne Rede“ beschreiben. Die ursprünglichen Inhalte seien nicht festzuhalten und verschwänden „hinter der Lawine ihrer Reaktionen“, während „die Antworten darauf ein Eigenleben entwickeln“ (Annekathrin Kohout: Hyperreaktiv. Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird. Berlin 2025, S. 17.).
Demgegenüber wäre es jedoch angebracht, sich die Orientierungslosigkeit erst einmal einzugestehen und nach Wegen zu suchen, wie eine Neuorientierung zu finden sei. Was trägt gegenwärtig nicht mehr? Worauf kommt es jetzt an?
Eine Denkerin, die sich intensiv mit solchen Fragen auseinandergesetzt hat, ist Hannah Arendt (1906 - 1975). Als in Deutschland lebende Jüdin war sie von den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts unmittelbar betroffen. Sie erlebte Flucht, Verfolgung, Lageraufenthalt, Staatenlosigkeit und Exil. Diese Erfahrungen verleiteten sie aber nicht dazu, aus der Perspektive der persönlich Betroffenen zu schreiben. Vielmehr ging es ihr darum, das Erlebte in einem größeren Kontext zu verstehen. Ihr gründlicher Verstehensprozess mündete in die umfangreiche Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (deutsche Erstausgabe 1955). Sie blieb dabei aber nicht stehen, sondern verfolgte auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse über die Wirkmechanismen des Totalitären die Frage, wie nach dem Traditionsbruch neuer Boden gewonnen werden könne. Dabei schlug sie öfter überraschende Wege ein, etwa mit einem „Perlentauchen“, wie sie es nannte: Ein Aufspüren von unentdeckten „Perlen“ aus der Kulturgeschichte, die bisher nicht beachtet oder falsch verstanden wurden und die uns heute als Bruchstücke – nicht als nostalgische Relikte – helfen, etwas Weiterführendes für die Gegenwart zu gestalten. Beispielsweise nahm sie die beiden in der Bibel parallel vorhandenen Schöpfungsgeschichten in Genesis 1 und Genesis 2 zum Anlass, auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer ursprünglichen Vielheit („Gott schuf den Menschen … als Mann und Frau“) und einer Vielheit durch Vervielfältigung (aus der Rippe Adams, des einen Menschen, wird nachträglich ein zweiter Mensch geschaffen) aufmerksam zu machen. Arendts Fokus lag auf der Bedeutung der ursprünglichen Vielheit des Menschen: Wie gestaltet sich das Zusammenleben der Menschen, wenn diese Vielheit („Pluralität“ in Arendts Begrifflichkeit) ernst genommen wird?
Der Arendt-Biograph Thomas Meyer bezeichnete sie in einem Gespräch einmal salopp und durchaus zutreffend als „Experimentaldenkerin in höchster Selbstkontrolle“. Immer wieder legte sie sich über ihr Vorgehen selbst Rechenschaft ab und wurde für viele Menschen zur Stichwortgeberin. Dass sie mittlerweile nicht selten auf ein Podest gehoben wird und etliche ihrer Aussagen kalenderspruchartig aus dem Zusammenhang gerissen für alle möglichen passenden und unpassenden Lebenslagen herhalten müssen, wäre keinesfalls in ihrem Sinne gewesen! Ihr Denken ist multiperspektivisch. Die Unermüdlichkeit, mit der sie sich von den Herausforderungen und Fragen ihrer Zeit berühren ließ und bereit war, die Dinge in großem Stil noch einmal neu zu betrachten und sich von Überlebtem zu verabschieden, ist auch im 21. Jahrhundert noch ansteckend.

In der Forschungsstelle wird derzeit an einer Publikation zu Hannah Arendt gearbeitet, die vor allem ihre Denkwerkstatt beleuchten wird: Was hat Arendt unternommen, um sich in einer Zeit, in der die bis dahin tragenden Grundlagen erodiert waren, neu zu orientieren? Zur Sprache werden nicht nur eine andere Art des Denkens kommen, sondern auch ein anderes Verhältnis zur Welt, zu den Mitmenschen und zum Handeln.
Angelika Sandtmann
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