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Newsletter Dialogische Kultur | Januar 2026
 
 
Im folgenden Essay skizziert Angelika Sandtmann die paradoxen Verhältnisse der gegenwärtigen allgemeinen Lebenssituation. Dabei knüpft sie an Hannah Arendts Überlegungen zu einer notwendigen Neuorientierung an und weist zugleich auf eine geplante Publikation aus der Forschungsstelle Dialogische Kultur hin.

Wir wünschen Ihnen an dieser Stelle noch alles Gute für das neue Jahr!

 
 
Selbstorientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit
Wir leben gegenwärtig in paradoxen Verhältnissen: Die schon länger zu bemerkende allgemeine Verunsicherung (Stichwort VUCA-Welt) nimmt angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in jüngster Zeit weiter zu und ist mittlerweile wohl oft bereits in Orientierungslosigkeit umgeschlagen. Sicherheiten schwinden selbst dort, wo sie auch in einer volatilen Welt immer noch als einigermaßen stabil galten: Verlässlichkeit in demokratischen Prozessen, bei der Achtung der Gewaltenteilung, bei Absprachen in der internationalen Staatengemeinschaft, bei Qualitätsstandards in seriösen Medien etc. ist auch in westlichen Ländern keine Selbstverständlichkeit mehr. Eine solche Situation verlangt nach einer Neubesinnung, in der die Grundlagen des Zusammenlebens mit Beharrlichkeit neu bedacht werden. Tragen die alten Begrifflichkeiten noch, z.B. „Demokratie“? Stattdessen drängen sich uns von allen Seiten – nicht selten ungefragt – Antworten auf, die die Verunsicherung vordergründig überdecken, letztlich aber nicht beheben. Das fängt an bei den zahlreichen Werbeversprechen, durch Training „garantiert“ resilienter, erfolgreicher, leistungsfähiger, glücklicher etc. zu werden, und endet mit einer Inflation an Antworten durch neue technische Entwicklungen.

Die leichte Verfügbarkeit der Künstlichen Intelligenz (KI) und die alltägliche Präsenz der sozialen Medien sorgen dafür, dass wir blitzschnell mit Antworten bedient werden, bevor wir uns der Orientierungslosigkeit in ihrem ganzen Ausmaß überhaupt ausgesetzt haben. KI-Modelle sind darauf programmiert, stets Antworten zu liefern, so dass sie im Zweifelsfall eher etwas erfinden als zu signalisieren, dass sie zu einem bestimmten Thema nichts Passendes parat haben.

Eine aktuelle Studie der European Broadcasting Union (EBU) unter Federführung der BBC (News Integrity in AI Assistants Report) fand heraus, dass 45 % der untersuchten KI-Antworten mindestens einen erheblichen Fehler enthalten. Untersucht wurden über 3000 KI-Antworten von vier verschiedenen KI-Assistenten aus 18 Ländern. Journalisten überprüften die Ergebnisse nach den Kriterien Genauigkeit der Information, Genauigkeit direkter Zitate, Quellenangaben, Unterscheidung zwischen Fakten und Meinung und der Bereitstellung von Kontext. In allen Bereichen fanden sie Fehler, am häufigsten (31 %) fielen gravierende Fehler bei den Quellenangaben auf: Die genannten Quellen passten nicht zum dargestellten Sachverhalt oder zu den im Text angegebenen Namen, und teilweise waren überhaupt keine Quellen verzeichnet. Zitate stimmten im Wortlaut nicht immer genau mit der angegebenen Quelle überein oder das Zitat fand sich überhaupt nicht in der Quelle. Trotz dieser Mängel gehen viele Nutzer davon aus, dass KI-generierte Zusammenfassungen von Nachrichten korrekt seien. Das ergab eine weitere Studie der BBC (Research Findings: Audience Use and Perceptions of AI Assistants for News): Mehr als ein Drittel der Erwachsenen in Großbritannien halten KI-Assistenten für vertrauenswürdig, unter den 35-Jährigen sind es die Hälfte. Viele glauben, dass KI „weniger anfällig für Fehler und Voreingenommenheit“ sei als Menschen! Der Anschein der “Objektivität“ der KI verleite viele Nutzer dazu, sich in falscher Sicherheit zu wiegen.

Auch die Kommunikationsformen in den sozialen Medien verstärken die Dominanz der schnellen Antwort. Die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout bringt den Charakter der Online-Kommunikation, in der die Reaktion der User zur wichtigsten Währung geworden sei, folgendermaßen auf den Punkt: Während die Massenmedien des 20. Jahrhunderts von Jean Baudrillard als „Rede ohne Antwort“ beschrieben wurden, da keine Interaktion mit dem Zuschauer und Zuhörer möglich war, lasse sich die Online-Kommunikation des 21. Jahrhundert nach Kohout umgekehrt als „Antwort ohne Rede“ beschreiben. Die ursprünglichen Inhalte seien nicht festzuhalten und verschwänden „hinter der Lawine ihrer Reaktionen“, während „die Antworten darauf ein Eigenleben entwickeln“ (Annekathrin Kohout: Hyperreaktiv. Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird. Berlin 2025, S. 17.).

Demgegenüber wäre es jedoch angebracht, sich die Orientierungslosigkeit erst einmal einzugestehen und nach Wegen zu suchen, wie eine Neuorientierung zu finden sei. Was trägt gegenwärtig nicht mehr? Worauf kommt es jetzt an?

Eine Denkerin, die sich intensiv mit solchen Fragen auseinandergesetzt hat, ist Hannah Arendt (1906 - 1975). Als in Deutschland lebende Jüdin war sie von den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts unmittelbar betroffen. Sie erlebte Flucht, Verfolgung, Lageraufenthalt, Staatenlosigkeit und Exil. Diese Erfahrungen verleiteten sie aber nicht dazu, aus der Perspektive der persönlich Betroffenen zu schreiben. Vielmehr ging es ihr darum, das Erlebte in einem größeren Kontext zu verstehen. Ihr gründlicher Verstehensprozess mündete in die umfangreiche Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (deutsche Erstausgabe 1955). Sie blieb dabei aber nicht stehen, sondern verfolgte auf der Grundlage ihrer Erkenntnisse über die Wirkmechanismen des Totalitären die Frage, wie nach dem Traditionsbruch neuer Boden gewonnen werden könne. Dabei schlug sie öfter überraschende Wege ein, etwa mit einem „Perlentauchen“, wie sie es nannte: Ein Aufspüren von unentdeckten „Perlen“ aus der Kulturgeschichte, die bisher nicht beachtet oder falsch verstanden wurden und die uns heute als Bruchstücke – nicht als nostalgische Relikte – helfen, etwas Weiterführendes für die Gegenwart zu gestalten. Beispielsweise nahm sie die beiden in der Bibel parallel vorhandenen Schöpfungsgeschichten in Genesis 1 und Genesis 2 zum Anlass, auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen einer ursprünglichen Vielheit („Gott schuf den Menschen … als Mann und Frau“) und einer Vielheit durch Vervielfältigung (aus der Rippe Adams, des einen Menschen, wird nachträglich ein zweiter Mensch geschaffen) aufmerksam zu machen. Arendts Fokus lag auf der Bedeutung der ursprünglichen Vielheit des Menschen: Wie gestaltet sich das Zusammenleben der Menschen, wenn diese Vielheit („Pluralität“ in Arendts Begrifflichkeit) ernst genommen wird?

Der Arendt-Biograph Thomas Meyer bezeichnete sie in einem Gespräch einmal salopp und durchaus zutreffend als „Experimentaldenkerin in höchster Selbstkontrolle“. Immer wieder legte sie sich über ihr Vorgehen selbst Rechenschaft ab und wurde für viele Menschen zur Stichwortgeberin. Dass sie mittlerweile nicht selten auf ein Podest gehoben wird und etliche ihrer Aussagen kalenderspruchartig aus dem Zusammenhang gerissen für alle möglichen passenden und unpassenden Lebenslagen herhalten müssen, wäre keinesfalls in ihrem Sinne gewesen! Ihr Denken ist multiperspektivisch. Die Unermüdlichkeit, mit der sie sich von den Herausforderungen und Fragen ihrer Zeit berühren ließ und bereit war, die Dinge in großem Stil noch einmal neu zu betrachten und sich von Überlebtem zu verabschieden, ist auch im 21. Jahrhundert noch ansteckend.

 



In der Forschungsstelle wird derzeit an einer Publikation zu Hannah Arendt gearbeitet, die vor allem ihre Denkwerkstatt beleuchten wird: Was hat Arendt unternommen, um sich in einer Zeit, in der die bis dahin tragenden Grundlagen erodiert waren, neu zu orientieren? Zur Sprache werden nicht nur eine andere Art des Denkens kommen, sondern auch ein anderes Verhältnis zur Welt, zu den Mitmenschen und zum Handeln.

Angelika Sandtmann

 
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Newsletter Dialogic Culture | January 2026
 
 
In the following essay, Angelika Sandtmann outlines the paradoxical conditions of the current general situation. She draws on Hannah Arendt's reflections on a necessary reorientation and also points to a planned publication from the Research Center for Dialogical Culture.

We wish you all the best for the new year!

 
 
Self-orientation in times of disorientation
We currently live in paradoxical circumstances: The general sense of unease that has been noticeable for some time (keyword: VUCA world) is increasing in light of recent social and political developments and has often already turned into disorientation. Certainties are dwindling even where they were still considered relatively stable in a volatile world: Reliability in democratic processes, respect for the separation of powers, agreements within the international community, quality standards in reputable media, etc., are no longer a given, even in Western countries. Such a situation calls for a re-evaluation, in which the foundations of coexistence are persistently reconsidered. Are the old concepts still valid, for example, "democracy"? Instead, we are bombarded from all sides – often unsolicited – with answers that superficially mask the uncertainty but ultimately fail to resolve it. It starts with the numerous advertising promises that training will "guarantee" you become more resilient, successful, productive, happier, etc., and ends with an inflation of answers due to new technological developments.

The easy availability of artificial intelligence (AI) and the ubiquitous presence of social media mean that we are bombarded with answers at lightning speed, even before we have fully experienced the disorientation it creates. AI models are programmed to always provide answers, so that in case of doubt, they are more likely to invent something than to indicate that they have nothing relevant to say on a particular topic.

A recent study by the European Broadcasting Union (EBU), led by the BBC (News Integrity in AI Assistants Report), found that 45% of the AI ​​answers examined contained at least one significant error. The study analyzed over 3,000 AI answers from four different AI assistants in 18 countries. Journalists reviewed the results based on the criteria of information accuracy, accuracy of direct quotes, source citations, distinction between fact and opinion, and the provision of context. Errors were found in all areas, with the most frequent (31%) being serious errors in source citations: The cited sources did not match the facts presented or the names mentioned in the text, and in some cases, no sources were listed at all. Quotations did not always correspond exactly to the cited source, or the quotation was not found in the source at all. Despite these shortcomings, many users assume that AI-generated news summaries are accurate. This was revealed in another BBC study (Research Findings: Audience Use and Perceptions of AI Assistants for News): More than a third of adults in Great Britain consider AI assistants trustworthy, and among 35-year-olds, this figure rises to half. Many believe that AI is "less prone to error and bias" than humans! The appearance of AI's "objectivity" leads many users to a false sense of security.

Communication styles on social media also reinforce the dominance of quick responses. Cultural studies scholar Annekathrin Kohout succinctly captures the nature of online communication, in which user reactions have become the most important currency, as follows: While Jean Baudrillard described 20th-century mass media as "speech without response" because no interaction with the viewer and listener was possible, Kohout argues that 21st-century online communication can be described, conversely, as "response without speech." The original content cannot be captured and disappears "behind the avalanche of its reactions," while "the responses to it develop a life of their own" (Annekathrin Kohout: Hyperreactive. How the Power of Interpretation is Contested in Social Media. Berlin 2025, p. 17).

In contrast, it would be appropriate to first acknowledge this disorientation and then seek ways to find a new direction. What is no longer relevant? What matters now?

One thinker who grappled extensively with such questions is Hannah Arendt (1906–1975). As a Jew living in Germany, she was directly affected by the upheavals of the 20th century. She experienced flight, persecution, imprisonment in concentration camps, statelessness, and exile. However, these experiences did not lead her to write from the perspective of someone personally affected. Rather, her aim was to understand her experiences within a broader context. Her thorough process of understanding culminated in the comprehensive study "The Origins of Totalitarianism" (first German edition 1955). But she did not stop there. She often took surprising paths, such as what she called "pearl diving": the discovery of undiscovered "pearls" from cultural history that had previously been overlooked or misunderstood, and which, as fragments—not nostalgic relics—help us today to create something meaningful for the present. For example, she used the two parallel creation stories in the Bible, Genesis 1 and Genesis 2, as a starting point to draw attention to the fundamental difference between an original multiplicity ("God created man... male and female") and a multiplicity created through reproduction (from the rib of Adam, the one human being, a second human being is subsequently created). Arendt's focus was on the significance of the original multiplicity of humankind: How does human coexistence develop when this multiplicity ("plurality" in Arendt's terminology) is taken seriously?

In a conversation, Arendt's biographer Thomas Meyer once described her, casually and quite accurately, as an "experimental thinker with the utmost self-control." She constantly reflected on her own methods and became a source of inspiration for many. That she is now often placed on a pedestal and that numerous statements of hers, taken out of context and like platitudes, are used to justify all sorts of situations, both appropriate and inappropriate, would certainly not have been in her spirit! Her thinking is multi-perspective. The tireless way in which she allowed herself to be touched by the challenges and questions of her time, and her willingness to re-examine things on a grand scale and to bid farewell to outdated ideas, remains infectious even in the 21st century.

 



The research center is currently working on a publication about Hannah Arendt that will primarily illuminate her intellectual process: What did Arendt do to reorient herself in a time when the previously supporting foundations had eroded? The publication will address not only a different way of thinking, but also a different relationship to the world, to other people, and to action.

Angelika Sandtmann

 
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Newsletter Dialogische Kultur | November 2025
 
 
Bevor das Jahr zu Ende geht, melden wir uns mit einer neuen Ausgabe unseres Newsletters. Karl-Martin Dietz geht im folgenden Beitrag auf die Frage ein, welche Bedeutung Strukturen in einer Dialogischen Kultur haben.

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Adventszeit und erholsame Weihnachtsfeiertage.

 
 
Strukturen, Impulse, Kompetenzen und stehende Wellen
Zum Verhältnis von Macht und Einsicht in der Zusammenarbeit
Im Zusammenhang mit dem Interview „Der Einzelne und das Ganze. Dialogische Kultur – ein Transformationsprozess“ in der Zeitschrift „Sozialimpulse“ Nr. 01/2025 wurden in einem kleinen Kreise meine Ausführungen über „Struktur“ am Ende des Interviews kritisch hinterfragt. Ich danke ausdrücklich für die Anregungen, die ich aus den Einwänden gewinne, und versuche gerne, darauf einzugehen. Die Fragen gingen vor allem in zwei Richtungen:

1) Wieso treten die sonst im Zusammenhang von „Führung“ und Management so beliebten „Strukturen“ bei der Dialogischen Kultur in den Hintergrund? Was tritt an ihre Stelle?

Strukturen sind zweifellos wichtig, aber nicht die Hauptsache. Im Einzelnen: In der Unternehmensführung kennzeichnet „Struktur“ das feste Gerüst, die Regeln und Gesetzmäßigkeiten, innerhalb derer die tatsächliche Zusammenarbeit (das „operative Geschäft“) geleistet wird. Struktur steht für Klarheit und Verlässlichkeit. Auf der anderen Seite bietet die mit allem Strukturellen verbundene Inflexibilität auch Anlass zur Unzufriedenheit, da sie die Wege des Handelns weitgehend kanalisiert. Wiederholte „Umstrukturierungen“ gehören deshalb heute schon zum Alltagsgeschäft. Oftmals wird in immer kürzeren Abständen die Struktur neuen Erfordernissen angepasst („optimiert“). Die Gestaltung von „change“ gilt in den Bemühungen vieler Unternehmensberater weiterhin als eine Art „Königsweg“. Dabei liefert die Struktur jedoch genau dasjenige immer weniger, wofür sie in Anspruch genommen wird: eine verlässliche Grundlage der Zusammenarbeit in Unternehmen und Organisationen zu bilden. Im Unternehmen werden durch die Struktur – wie nebenbei – auch die Befehlsgewalten und hierarchischen Zuständigkeiten geregelt. Deren Bedeutung ist aber ohnehin im Wandel. Innerhalb relativ kurzer Zeit haben sich die Verhältnisse erheblich geändert, ja teilweise ins Gegenteil verkehrt:

  • Die Fähigkeiten („Kompetenzen“) der einzelnen Beteiligten haben gegenüber kollektiven, unflexiblen Regelungen mehr Gewicht bekommen. Besonders gefragt sind Eigenständigkeit und Initiative.

  • Eigenständiges Handeln der Einzelnen (individuelle Initiative bei zunehmender Verantwortlichkeit für das Ganze) ist den Entscheidungssituationen im Unternehmen eher angemessen als ein hierarchisches Vorgehen (Dietz & Sandtmann, 2024).

Seit einigen Jahren wird deutlich, dass mit dem alten, auf Struktur und Hierarchie gestützten Schema der Betriebsführung keine Zukunft mehr zu machen ist. Seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“, vor mehr als 30 Jahren, leben wir in Politik und Wirtschaft unter „VUCA“-Bedingungen. Flüchtigkeit, Unsicherheit, Komplexität und Uneindeutigkeit bestimmen die Verhältnisse und fordern ihren Tribut. Was im klassischen Sinne unbeeinflussbar geworden ist, versucht man mit „Agilität“ zu domestizieren. Doch können diese Versuche, das Unregelbare zu regeln, nicht wirklich überzeugen (Dietz, 2020a).

In der Dialogischen Kultur geht man von Anfang an anders vor. Man leugnet natürlich nicht den Wert von Strukturen, denn niemand kann ohne Ordnung auskommen. Und jede Organisation hat ihre „Struktur“, selbst dann, wenn sie schlecht organisiert sein sollte. Aber in der Dialogischen Kultur steht den Strukturen ein zweiter Faktor gegenüber: das „unternehmerische“ Element als eine geistig befeuerte Willenskraft, die man auch „Impuls“ oder „Impulsierung“ nennen kann. Die individuell auszugestaltende und zu verantwortende Willenskraft gewährleistet letztlich den Erfolg einer Arbeitsgemeinschaft – weit mehr als müde Verhaltensregeln, die man sich unter dem Schutz einer Struktur gibt und „verbindlich“ zu machen sucht. Vielmehr drängt sich immer mehr die Frage auf, wie (optimal eingestellte) Rahmenbedingungen konkret mit Inhalt gefüllt, d. h. mit Impulsen belebt werden können. Strukturen haben deshalb in der Dialogischen Kultur eher einen orientierenden als einen normierenden Charakter. Um erfolgreich handeln zu können, bedarf es wesentlich der Impulsierung. Man würde jedoch generell einen alten Fehler perpetuieren, wenn man das lebendige Führungsgeschehen in zwei unterschiedlich zu betrachtende Teile aufteilen wollte, in Formen (Strukturen) und Inhalte (Impulse), statt darin zwei Pole desselben Geschehens zu sehen.

Ein Zwischenruf:
Haben wir hier vielleicht etwas übersehen? Es ist doch auffällig, dass de facto in Theorie und Praxis des Managements die Themen „Struktur“ und „Hierarchie“ teilweise immer noch dieselbe zentrale Position besetzen wie seit Frederick Taylors „Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung“ (1911). Worauf ist das zurückzuführen? – Eine Vermutung: auch modernes Management stützt sich nach wie vor auf Macht. – Worauf sollte es sich denn sonst stützen? – Vielleicht: auf Einsicht? – Wenn das „Zusammen“ in der „Zusammen-arbeit“ nicht mehr hergestellt wird durch Vorgaben und deren Befolgung, sondern wenn es durch praktizierte Einsicht der Beteiligten entsteht, dann beruht erfolgreiches Handeln nicht mehr auf der Befolgung von Vorgaben, sondern darauf, dass sich jeder selbst um die beste Lösung bemüht bzw. an deren Findung mitwirkt. Hinzu kommt, dass die Anforderungen an intellektuelle und emotionale Selbstständigkeit seit Anfang des 20. Jahrhunderts in deutlich beobachtbaren Schritten gestiegen sind (Näheres: Dietz, 2008, S. 33-42). Die Intelligenzleistung der einzelnen Mitarbeiter hat zweifellos eine immer größere Bedeutung gewonnen. Die ungebrochene Karriere der Begriffe „Struktur“ und „Hierarchie“ signalisiert jedoch, dass von der Macht und ihrem Gefälle nach wie vor der entscheidende Einfluss auf das Handeln der Einzelnen ausgeht.
Das gilt, obwohl seit Jahrzehnten das Thema „Motivation“ eine immer bedeutendere Rolle spielt. Wer „Motivationsmaßnahmen“ scheinbar eigenständig folgt, statt Regeln zu verinnerlichen oder auf Anordnungen Anderer zu warten, hat jedoch den Machtfaktor nicht eliminiert, sondern nur überspielt. Wer statt aus Furcht vor „Strafe“ (ein durchaus gängiger Ausdruck in früheren Führungslehren!) jetzt einem neuen Schema folgt, das auf „Belohnungen“ setzt, hat nur die Vorzeichen der Machtausübung umgedreht. Er handelt nicht mehr unmittelbar aus „Furcht vor dem Herrn“, sondern in Erwartung eines geldwerten und/oder prestigeträchtigen Vorteils für sich selbst: „Prämien“ und „Dienstwagen“, sozusagen. Sein Handeln ist, bei Licht betrachtet, nicht weniger fremdbestimmt als in früheren Zeiten vorherrschender „Furcht“. In demselben Licht betrachtet wird auch die zeitweilig so gepriesene „Selbstoptimierung“ als eine folgenreiche Selbsttäuschung erkennbar (Näheres: Dietz, 2020b). Die immer noch vorherrschende neoliberale Sichtweise missversteht „Gemeinschaft“ und „Kooperation“ wie selbstverständlich als einen von „unsichtbarer Hand“ (Adam Smith) geregelten Ausgleich selbstbezüglicher Interessen.
Ende des Zwischenrufs.

Das wird anders, wenn an der Stelle von Strukturen Dialogische Prozesse zum tragenden Element der Organisation gemacht werden. „Prozesse statt Strukturen: Das bedeutet Bewegung statt Aufenthalt, Wege statt Mauern. Der Ideen- und Tatenfluss gräbt sich sein eigenes Bett, statt in betonierte Kanäle geleitet zu werden. Prozesse sind veränderungsfreundlich, ohne daß erst Festgefahrenes aufgeweicht werden muß. Sie ermöglichen Wechselwirkung und gemeinsames Lernen“ (Dietz, 2014, S. 14-15). Im Vergleich zu Strukturen, Regelungen und Verfasstheiten bedarf das Impulsierende keiner Begrenzung von außen, sondern kann sich selbst seine Form geben durch so etwas wie stehende Wellen (z.B. Stromschnellen), durch die ständig Wasser fließt. Je schneller es fließt, desto stabiler steht die Welle! Und umgekehrt: Ändern sich Masse und Geschwindigkeit des Durchflusses, dann ändern sich auch Form und Kraft der Welle (s. Dietz & Sandtmann, 2024, S. 71).

Dialogische Unternehmenskultur spricht deshalb nicht von „Strukturen“, sondern eher von „Prozessen“, die zudem nicht, wie Strukturen, nebeneinander existieren, sondern ineinander wirken. Während Strukturen nur das feste, „räumlich“ Gewordene einer Organisation fassen, lassen sich in den Prozessen auch die zeitlichen Abläufe erstens beobachten, zweitens flexibel gestalten; und drittens fordern sie willentliche Impulsierungen (Initiativen) heraus. Die Dialogischen Prozesse können so auch ohne strukturelle „Kanalisierung“ dem aktuellen Handeln einen festen Halt bieten. In den Prozessen lebt beides gleichzeitig, Struktur und Impuls, jedoch nicht antagonistisch, sondern integriert.

Kann man aber unter solchen strukturbefreiten Umständen eindeutige Entscheidungen treffen, die von möglichst Vielen mitgetragen werden? Darauf käme es doch auch an. Um Unsicherheiten aus dem Weg zu gehen, lässt man ja bisher das ganze hierarchische Entscheiden über sich ergehen. – Warum sollten strukturneutrale Entscheidungen eigentlich nicht möglich sein? In früheren Zeiten hatte der allein entscheidende Herrscher seine Ratgeber und Warner, die ihn mit Erfahrungen, Ideen und Kenntnissen versahen, an denen er seine Entscheidung ausrichten konnte. An deren Stelle ist heute weitgehend ein Angebot von „Erfolgsmethoden“ getreten, die der Entscheidungsträger verinnerlichen und beherrschen können soll, will er nicht im Dschungel mehr oder weniger komplizierter Verfahrensweisen straucheln! Auch hier hat sich der Optimierungsgedanke durchgesetzt.

Die Frage ist also: Was früher die (verliehene oder selbst erworbene) Autorität war und inzwischen zunehmend durch demokratische Mehrheitsbeschlüsse abgelöst wurde: Wie sähe das sinnvollerweise heute aus? Was entspricht dem in einer auf individuelle Verantwortung gestützten Zusammenarbeit? „Die zentrale Frage ist: Wie entstehen persönlich verantwortete Entschlüsse, die nicht einsame Entschlüsse sind, sondern durch die Anderen mitgetragen werden? – Entschlüsse dieser Art sind in der Dialogischen Kultur durch die anderen Prozesse [...] vorbereitet. Dann ist auch nicht zu befürchten, dass die ‚Eigenständigen‘ aneinandergeraten, denn sie wirken bei jedem Schritt zugleich im Sinne des Ganzen zusammen. Auch im Entschlussprozess selbst sind die anderen Prozesse bis ins Einzelne präsent: Begegnung gründet sich auf das Vertrauen in die einzelnen Menschen; im Sinne der Transparenz muss so weit wie möglich alles berücksichtigt sein, auch das Fehlende oder noch nicht Gelungene; von der Stärke der Ideen hängt auch der Entschluss mit seinen Folgen ab. Hierfür gibt es in einer Dialogischen Kultur verschiedene Möglichkeiten, aus deren Anregungen eine Arbeitsgemeinschaft (Unternehmung, Organisation usw.) die für sie gemäße Vorgehensweise selbst finden und entwickeln kann. Das gehört zum Wesen des Dialogischen und gilt für alle seine Prozesse, für den Entschluss aber ganz besonders“ (Dietz & Sandtmann, 2024, S. 67-68). Sollten eigene Einfälle zur Gestaltung und Sicherung individuell gefasster Entschlüsse ausbleiben, so gibt es immer noch einige inzwischen bewährte Verfahren, etwa den „Konsultativen Fallentscheid“, die „Widerstandsabfrage“ oder „Kollegiale Einwandintegration“ (Oestereich & Schröder, 2019, S. 98-100).

Fazit:
Wer im Wesentlichen auf Strukturen als ausschlaggebendes Ordnungsprinzip der Zusammenarbeit setzt, übersieht, dass ein Unternehmen in erster Linie nicht aufgrund seiner Ordnungs- und Anordnungsstruktur Erfolg hat, sondern infolge des geistigen Einsatzes seiner Mitarbeiter. –

Daneben gab es noch einen weiteren Einwand gegen meine Einschätzung von „Strukturen“:

2) Ist nicht immer wieder beobachtbar, dass Strukturänderungen sich ihrerseits auswirken auf die Haltungen und Einstellungen der Beteiligten? Dass Strukturen also nicht nur Ergebnisse anderer Gestaltungsvorgänge sind, sondern dass sie auch selbst etwas bewirken?

Empirisch ist der Einwand nachvollziehbar. Aber ist das ein Wunder? – Etwas anderes als Strukturveränderung wird ja selten verordnet. Man hat bisher keine Vergleichsmöglichkeit mit einem andersartigen Vorgehen. Geistige „Impulsierungen“ gibt es im gängigen Führungsverfahren nicht bzw. sie fallen nicht auf und werden nicht extra artikuliert. – Da in der Regel eine Vergleichsmöglichkeit fehlt, ist „Struktur“ der Engpass, durch den alles andere hindurch muss: zum Beispiel die gewachsene Verantwortung, die gewachsene Vertrauensvorgabe, die gewachsene Eigenständigkeit, die verbesserte Kooperationsfähigkeit usw. – dies alles kann dann als willkommene Folge einer Strukturveränderung erscheinen; man hat jedoch die zugrunde liegende Haltungs- und Willensänderung als solche nicht bemerkt oder nicht reflektiert.

Fazit:
Strukturen in den Vordergrund des Interesses zu stellen, hindert daran, die dem Handeln zugrunde liegenden Haltungen, Einsichten, Willensimpulse usw. zu bemerken. Vor diesem Hintergrund ist im Zusammenhang mit Dialogischer Kultur von „Strukturen“ nur zurückhaltend die Rede. Stattdessen eher davon, dass „Führung“ letztlich nur im Sinne von „Selbstführung“ einen Sinn hat (Dietz & Sandtmann, 2024). Wer sein Unternehmen/seine Organisation für die Zukunft fit machen will, wird deshalb vor allem dasjenige fokussieren, was hier „Impulsierung“ genannt wird, und sich keineswegs mit einer bloßen „Umstrukturierung“ zufriedengeben (vgl. Dietz, 2024).

Karl-Martin Dietz

Literatur

Dietz, K.-M. (2008). Jeder Mensch ein Unternehmer. Grundzüge einer dialogischen Kultur. KIT.

Dietz, K.-M. (2014). Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. Menon.

Dietz, K.-M. (2020a). Führen in der VUCA-Welt. Dialogische Orientierungen. Aspekte der Dialogischen Kultur. Menon.

Dietz, K.-M. (2020b). Sokratische oder sophistische Selbstführung. Konfliktdynamik, 9 (2), S. 173-179. https://doi.org/10.5771/2193-0147-2020-3-173

Dietz, K.-M. (2024). Heute lässt sich doch keiner mehr führen! Götz W. Werners Beitrag zur Dialogischen Unternehmenskultur (Neuausgabe 2024). Forschungsstelle Dialogische Kultur.

Dietz, K.-M. & Sandtmann, A. (2024). Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur (Neuausgabe 2024). Forschungsstelle Dialogische Kultur.

Oestereich, B. & Schröder, C. (2019). Agile Organisationsentwicklung. Handbuch zum Aufbau anpassungsfähiger Organisationen. Vahlen.





 
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Newsletter Dialogische Kultur | November 2024
 
 
Es geht weiter!
Soeben sind, wie im Vorblick des letzten Newsletters angekündigt, zwei stark bearbeitete Neuausgaben zu den zentralen Inhalten der Dialogischen Unternehmenskultur erschienen:

 
 

Cover Eigenständig im Sinne des Ganzen 2024 Cover Heute lässt sich doch keiner mehr führen 2024

 
 
Die beiden Schriften sind in Stil und Charakter sehr unterschiedlich – und sie erscheinen gerade deshalb gemeinsam, weil sie in ihrer Polarität zwei mögliche Zugangswege zur Dialogischen Kultur kontrastiv aufzeigen. Die zuerst genannte Schrift stellt ihr Thema in den Kontext des gegenwärtigen gesellschaftlichen Wandels und seiner Auseinandersetzung mit Fragen der Führung. Sie verweist auf das prinzipiell Andersartige der Dialogischen Kultur. Die zweite Schrift zeichnet nach, wie sich im Laufe von 30 Jahren die Dialogische Kultur in der Praxis eines Unternehmens entwickelt hat.

 

Zunächst zu Eigenständig im Sinne des Ganzen:

Der Titel ist keine Tatsachenbehauptung, sondern er bezeichnet eine ernsthafte Intention, die das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft in der Zusammenarbeit auf eine neue Basis stellt. Seit einigen Jahrzehnten verändern sich die Bedingungen der Zusammenarbeit grundlegend und damit stehen die lange Zeit gültigen, gewohnten Verhältnisse radikal in Frage. Früher war "Herrschaft" eine unangefochtene Tatsache, entweder im Sinne des historischen Königtums – Einer beherrscht Alle – oder, kaum abgemildert, aristokratisch – Wenige herrschen über Viele. Das ist auch im Zeitalter der Demokratie trotz inzwischen eingeräumter Mitspracherechte nicht prinzipiell anders: ein Einzelner (z.B. der CEO) oder eine Gruppe (die demokratische Mehrheit) herrscht über die anderen. Die Härten sind zwar im Zeitalter der Menschenrechte mehrfach abgefedert, aber das Prinzip von Überordnung und Unterordnung besteht nach wie vor. Das gilt insbesondere für die Zusammenarbeit in Organisationen und Unternehmen.

Im 20. Jahrhundert ist gerade in dieser Hinsicht eine zunächst wenig bemerkte Änderung eingetreten: Das Führungsprinzip in Organisationen lässt sich mit der Formel "Befehl und Gehorsam" nicht mehr aufrecht erhalten – selbst dann nicht, wenn es wie in der von Frederick Taylor um 1900 entwickelten "wissenschaftlichen Betriebsführung" zum Nutzen aller Beteiligten erfunden wurde: Die Arbeiter tun genau das, was ihnen gesagt wird, und als Belohnung für die daraus folgende größere Effizienz steigt ihr Einkommen. Die damit zugleich etablierte strikte Trennung von Planung und Durchführung, Denken und Handeln, Anordnen und Befolgen, die wenig später auch dem Prinzip des Fließbands bei Henry Ford zugrunde lag, hat sich – wie die Geschichte der Arbeit im 20. Jahrhunderts zeigt – nie in Reinform durchführen lassen. Die Persönlichkeit des arbeitenden Menschen ließ sich nie ganz ausschalten und hat sich gegen fortschreitende Versuche, Seele und Geist der Einzelnen einzuhegen, zunehmend gewehrt, in letzter Zeit vermehrt auch mit Folgen für die Gesundheit.

Der gegenwärtige Zustand der Arbeitsgesellschaft hat sich in zweifacher Hinsicht zugespitzt:

1. Arbeitsmotivation, Arbeitswille und sogar die Arbeitsfähigkeit vieler Menschen nehmen ab. "Führen" im Sinne von "Anordnen und Kontrollieren" funktioniert schon deshalb nicht mehr, weil immer weniger Menschen dieses "Geführtwerden" seelisch ertragen. Das belegen jährliche Berichte über die Zunahme seelischer Erkrankungen.

2. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kommt zu diesem subjektiven Faktor noch ein objektiver hinzu: Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind immer fluktuierender, undurchsichtiger, komplexer und undefinierbarer geworden (Stichwort: VUCA-Welt); sie können mit den Mitteln der klassischen Führung nicht mehr bewältigt werden. Denn das plötzliche Auftreten eines Problems während der Arbeit verlangt oft eine so schnelle Lösung, dass die Zeit nicht mehr reicht, um sich gemäß der Hierarchie hinauf und wieder hinunter Anordnungen zu holen; immer mehr der auftretenden Probleme müssen im selben Moment gelöst werden, in dem sie auftreten. Mittel- und langfristige Planungen sind ob der vielen spontan eintretenden Änderungen der Gegebenheiten obsolet geworden, ganz abgesehen von der zunehmenden Komplexität, durch die sich einfache Lösungen verbieten. Vergangenheitsbezogene Erfahrung und erworbenes Wissen allein reichen nicht mehr aus, sie haben ihre beherrschende Stellung verloren.

Man muss wohl im Zusammenhang mit beiden Entwicklungen von einem Zusammenbruch dessen sprechen, was Führung im alten Stil früher unangefochten leisten konnte. Mit "Eigenständig im Sinne des Ganzen" ist vorläufig bezeichnet, was an ihre Stelle treten kann: Das sind vor allem Eigeninitiative und Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Was wir als "Dialogische Kultur" bezeichnen, ist der Versuch, dieser Situation Rechnung zu tragen. Dialogische Kultur ist keine Theorie, kein System, kein Handlungsmuster, sondern ein fortschreitender Versuch, die alten Systemeigenschaften mehr und mehr durch neue Fähigkeiten zu ersetzen und damit zugleich den herkömmlichen Gegensatz zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft in ein anderes Verhältnis zu überführen. – Nicht zuletzt aus diesem "Fortschreiten" ergeben sich immer wieder neue Ausgaben von Eigenständig im Sinne des Ganzen, das 2009 erstmals erschienen ist.

2019 hat der Autor Karl-Martin Dietz für eine weitere Bearbeitung Angelika Sandtmann als Co-Autorin hinzu gebeten. Beide verantworten nun zusammen auch die Neuausgabe 2024 mit ihren grundlegenden Bearbeitungen und Erweiterungen. Dabei liegt ein besonderer Akzent auf der Beobachtung, dass an die Stelle von "Führung" heute zunehmend "Selbstführung" tritt. Bei näherem Hinsehen erweisen sich jedoch die Beschränkungen der sog. "Selbstführung", "Self Leadership" oder "Super Leadership" als im Widerspruch stehend zu dem, was in der Dialogischen Kultur "Selbstführung" bedeutet. Worin dieser in der Regel unentdeckt bleibende Widerspruch besteht, wird in der vorliegenden Neuausgabe differenziert herausgearbeitet.

In einem neu hinzugekommenen Kapitel wird Dialogische Kultur erstmals als innerer Weg in vier Etappen dargestellt, und das Zusammenwirken in Gemeinschaft rückt noch stärker in den Blick. – Im Zuge der gesellschaftlichen Wandlungen, die den Ausgangspunkt der Betrachtung bilden, hat sich in letzter Zeit besonders die Erwartung der Generation Z an ihre Arbeitswelt als prägender Faktor erwiesen. Deshalb haben wir in der Neuausgabe diese und ähnliche gesellschaftliche Entwicklungen besonders berücksichtigt.

Zwei Leseproben aus der Schrift:

"'Dialog' beschreibt – im Bilde gesprochen – einen inneren Weg mit Engstellen, Brücken über Abgründe, mit Abwegen, Aussichtspunkten und Steilstrecken – keine fertige oder überhaupt auf einer Karte oder dem Navi vorfindbare Straße, vielmehr ein Weg, der erst durch das Sich-auf-den-Weg-Machen entsteht und dabei ständige Aufmerksamkeit erfordert. Dieser Weg ist jedoch keineswegs willkürlich oder zufällig. Es lassen sich mehrere Etappen unterscheiden." (S. 21f.)

"Bis hierhin wurde bei der Beschreibung von Zusammenarbeit vor allem auf die Leistung der Einzelnen abgehoben. Wenn, wie in dieser Schrift, 'Eigenständigkeit' im Fokus steht, scheint das angemessen. Aber die vorrangige Bedeutung der Einzelnen bei der Verwirklichung von Dialogischer Kultur geht darüber hinaus. Wenn davon immer wieder die Rede ist, entsteht natürlich die kritische Frage: Wie soll unter diesen Gegebenheiten überhaupt etwas Gemeinschaftliches zustande kommen? – Was zuvor immer wieder zur Sprache kam, sei hier zum Abschluss noch etwas deutlicher ausgeführt: Dialogische Kultur zeigt, dass die hervorgehobene Leistung der Einzelnen nicht in einem Gegensatz steht zur Handlungsfreiheit der Gemeinschaft. Eine starke Gemeinschaft entsteht nicht gegen die Einzelnen, sondern durch sie!" (S. 69)

∗∗∗

In der Schrift Heute lässt sich doch keiner mehr führen! geht es um einen anderen Zugang zur Dialogischen Kultur. Auf der Grundlage einer 30-jährigen freundschaftlichen Zusammenarbeit von Götz Werner und Karl-Martin Dietz wird beschrieben, welchen Beitrag zur Dialogischen Unternehmenskultur Götz Werner durch sein Handeln in seinem Unternehmen geleistet hat. Sein Vertrauen in die Mitarbeiter und seine Anregungen zur Selbstführung waren ein wesentlicher Faktor zum Gelingen des Vorhabens. Zugleich ist damit in dieser Schrift nachzulesen, wie sich die Dialogische Kultur im Laufe von 30 Jahren Unternehmenspraxis entwickelt hat. Welche Überlegungen gab es dort? Was waren die Anlässe? Und wie wurden Gelegenheiten ergriffen, das anfänglich nicht so leicht Fassbare im praktischen Vollzug immer verständlicher werden zu lassen und auf die Erfordernisse des konkreten Unternehmens zu beziehen? Ein Unternehmen ist ja nicht, wie manche immer noch meinen, in erster Linie eine Organisation oder ein System – vielmehr spielen die darin tätigen Menschen die Hauptrolle! Vor welche Schwierigkeiten sahen sie sich gestellt? Was unternahmen sie, um diese Herausforderungen zu bewältigen? Welche Überlegungen spielten dabei eine Rolle?

Das alles wird in der vorliegenden Neuausgabe deutlicher als früher herausgestellt. Sie ist außerdem erweitert um eine aufschlussreiche Episode ("Die neue Kinderwelt") und die Wiedergabe einiger Beiträge eines bereits 2002 veröffentlichten Rundgesprächs zwischen Götz Werner und fünf seiner führenden Mitarbeiter. Darin blicken die Gesprächspartner auf die Motive des damaligen Umschwungs bei dm zurück, welcher der Einführung der Dialogischen Kultur vorausging. Wenn nun – mehr als 20 Jahre später – die damaligen Gesichtspunkte aus dem Blickwinkel einer inzwischen weiterentwickelten Dialogischen Kultur kommentiert werden, ergeben sich daraus neue Perspektiven.

Eine Leseprobe aus der Schrift:

"Im Folgenden hebt Götz Werner die Bedeutung der 'konstruktiven Unzufriedenheit' für die Autonomie in der Zusammenarbeit hervor. 'Wie bringt man es fertig, dass jeder, der in unserem Unternehmen mitarbeitet, konstruktiv unzufrieden sein kann?' (S. 53). Und, mit ähnlicher Wirkung, geht es um einen 'Umschwung vom Fragenbeantworten zum Fragenstellen […] sozusagen vom Push zum Pull, vom Direktor zum Evokator' (S. 54). Es geht letztlich darum, keinen Druck auszuüben im Hinblick auf eigenständiges Handeln, sondern ein Vakuum entstehen zu lassen, in dem Eigenständigkeit entstehen kann. Früher hat der Bezirksleiter Aufgaben verteilt und somit Druck gemacht, jetzt, wo er sich sozusagen rar macht, muss seine Beratung aktiv gesucht werden (S. 55). – An den von Götz Werner damals häufig gebrauchten Ausdrücken 'Push' und 'Pull' kann man sich das Wesentliche des damaligen Umschwungs klar machen. Wer 'gepusht' seiner Tätigkeit nachgeht, der wird von außen gelenkt: Richtung, Zielsetzung, Zeitpunkt, Intensität, Vorgehensweise des Handelns sind vorgegeben. Das ist eine Art von 'Führung', die man im Wesentlichen erleidet und den dabei erfahrenen 'Leidensdruck' an die eigenen Untergebenen weitergibt. Das Stichwort 'Pull' charakterisiert hingegen ein ganz andersartiges Vorgehen: Der Einzelne sieht, dass etwas fehlt und versucht es auszufüllen. Aber womit, in welche Richtung, wann und wie? Das hat er selbst zu entscheiden. Begnüge ich mich damit, eine sich auftuende Lücke mit Bewährtem zu füllen, oder nehme ich die Gelegenheit wahr, andersartig als bisher vorzugehen oder gar etwas Neuartiges ins Spiel zu bringen? Und damit beispielsweise zugleich zu verhindern, dass eine solche Lücke noch einmal entstehen kann? – Handle ich, weil ich den Stiefel des 'Vorgesetzten' in meinem Kreuz spüre, oder weil ich selbst Notwendigkeiten und Möglichkeiten sehe? Und für den 'Vorgesetzten' ergibt sich aus dem Umschwung vom 'Push'- zum 'Pull'-Verhalten analog die Veränderung: Wo ich früher ein bestimmtes Vorgehen anordnen musste, kann ich jetzt 'herausfordern' dazu, das sinnvolle Vorgehen selbst zu finden." (S. 56 f.)

∗∗∗

Beide Neuausgaben sind ab sofort im Buchhandel oder direkt über die Forschungsstelle Dialogische Kultur beziehbar:

Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur
von Karl-Martin Dietz und Angelika Sandtmann
ISBN 978-3-911488-00-6
Neuausgabe 2024, überarbeitet und stark erweitert | 84 Seiten | 15 Euro

——

Heute lässt sich doch keiner mehr führen! Götz W. Werners Beitrag zur Dialogischen Unternehmenskultur
von Karl-Martin Dietz
ISBN 978-3-911488-01-3
Neuausgabe 2024, überarbeitet und stark erweitert | 100 Seiten | 17 Euro

 

Karl-Martin Dietz     Angelika Sandtmann

 
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Newsletter Dialogische Kultur | September 2024
 
 
Vorblick auf zwei Neuerscheinungen im Oktober
Liebe Leserin, lieber Leser,

seit Anfang des 20. Jahrhunderts spricht man in der Wirtschaft von "Führung" als einem wesentlichen Faktor des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolges. Was mit "Scientific Management" von Frederick Taylor begonnen hatte, setzte sich unter wechselnden Bedingungen bis in die Gegenwart fort. Es beruht auf einer strikten Trennung von Planen und Durchführen, von Denken und Handeln. Das war damals neu – heute wird es zunehmend fragwürdig.

Das Epochemachende an Taylors Erfindung war, dass eine genaue Vorgabe jeder einzelnen Körperbewegung z. B. beim Laden und Entladen von Schiffen mit Roheisen – eine schwere körperliche Anstrengung – zu einer deutlichen Verbesserung der Leistungen führte, ohne spürbare Mehrbelastung der Arbeiter. Der Erfolg dieser Maßnahme sprach sich schnell herum, und so versuchten auch andere Branchen, sich diese Errungenschaft zunutze zu machen. – Jahrzehnte später, in meiner Kindheit, beobachtete ich, wie eines Tages dem seit langem vertrauten Briefträger, der zweimal täglich die Briefkästen befüllte, ein Mann mit einem Messgerät auf dem Fuß folgte. Auf die Frage des Kindes, wozu das gut sei, antwortete der Briefträger: Damit sollten seine (des Briefträgers) Wege und Bewegungen genau vermessen und festgelegt werden. Vielleicht könnten sie ja verkürzt werden, und dann werde seine Arbeitszeit besser ausgenutzt. Dieser Absicht stand er selbst offensichtlich desinteressiert gegenüber. Dass er dann künftig in der gleichen Arbeitszeit mehr leisten müsste, erwähnte er nicht – oder er durchschaute es vielleicht selbst noch nicht. "Taylorisierung", wie man dieses Verfahren nannte, war offensichtlich so etwas wie ein erster Schritt in die Richtung der heute perfektionierten "Selbstoptimierung"!

Taylors Erfindung wurde von vielen begeistert aufgegriffen, und doch blieb nicht lange unbemerkt, dass der mit dem Taylorismus verbundenen weitgehenden Unterdrückung des eigenen Denkens und Fühlens nicht die Zukunft gehörte. Man entdeckte bei entsprechenden Experimenten wider Erwarten, dass der arbeitende Mensch außer seinem Körper offenbar auch noch so etwas wie eine Seele hat, deren Befindlichkeiten man Rechnung tragen muss, wenn man die Arbeitsleistung steigern will; speziell die Intelligenz des arbeitenden Menschen ist nutzbringend einzubinden (statt sie auszuschalten, wie bei Taylor). Nach und nach wurde die ganze Persönlichkeit des einzelnen Menschen, mit allen ihren Eigenschaften, dem Zweckrationalismus unterworfen, und man sprach dann von dem in einem Unternehmen versammelten "Humankapital". Diese für sich genommen interessante – aber keineswegs unproblematische – Veränderung der Führungslehren im 20. Jahrhundert kulminiert darin, dass

1. die geistigen Fähigkeiten der Einzelnen in hohem Maße für die Arbeit beansprucht und nutzbar gemacht werden (z. B. durch "Kompetenzmessung" und durch die erwähnte "Selbstoptimierung"), und dass

2. die seelische Beteiligung vieler Einzelner in der beruflichen Arbeit keine Resonanz findet und ins Leere läuft ("Sinnentleerung"). Das spiegelt sich in der bis heute zunehmenden Häufigkeit psychosomatischer Erkrankungen. Und auch das massenweise Erscheinen von psychologischen Verhaltensratgebern, mit deren Hilfe man sich, über das Arbeitsleben hinaus, von den lästigsten Übeln der Zivilisation selbst befreien könne (z. B. Depression, Einsamkeit, Beziehungsprobleme, Verunsicherung, Angst u. Ä.), dokumentiert, dass hier ein ernst zu nehmendes Defizit empfunden wird.

Dabei blieb weitgehend unbemerkt, dass auch eine "freiwillige" Erfüllung vorgegebener Ziele – denn darum handelt es sich bei der Selbstoptimierung – die Situation nicht prinzipiell verbessert. Im Gegenteil: Jetzt muss sich der Einzelne sagen, dass er ja an seiner Entmündigung selbst mitwirkt! Man kann nicht mehr einfach, wie zuvor, "den Verhältnissen" oder "den Vorgesetzten" die Schuld am Leiden in der Arbeitswelt geben – man trägt ja jetzt selbst zu diesen "Verhältnissen" bei. –

Dabei taucht auch, ganz nebenbei, die Frage auf, wer denn dieses "Selbst" eigentlich ist, das sich doch offenbar zwiespältig verhält und sich "freiwillig" (?) manipulieren lässt. –

Was seit 30 Jahren als Dialogische Führung/Dialogische Kultur entwickelt wird, versucht aus dieser selbst gewählten Einbahnstraße auszubrechen. Zur Dialogischen Kultur gehört nicht ein fertiges theoretisches Konzept, das dann in der Praxis angewandt und gegebenenfalls "angepasst" wird. Vielmehr wurde sie von Anfang an nach den Bedürfnissen eigenverantwortlich tätiger Menschen in der Wirtschaft – unabhängig von ihrer Stellung in der Hierarchie des Unternehmens! – und mit diesen zusammen entwickelt.

Dass der Dialogischen Kultur keine mechanistischen Handlungsanweisungen zugrunde liegen, dass es keine Tools, keine vorausbestimmten Maßnahmen, aber auch keine Theorien gibt, die es in die sogenannte "Wirklichkeit" wirtschaftlichen Handelns "herunterzubrechen" gälte, passt nicht recht in die Denkgewohnheiten des 20./21. Jahrhunderts. In einer "Dialogischen Kultur" der Zusammenarbeit wird gebaut auf die Pflege innerer Haltungen wie Menschenwürde und Achtung gegenüber dem Mitmenschen als Menschen; dabei stehen die Urteilsfähigkeit des Einzelnen und seine Ideenfähigkeit an erster Stelle. Weil er für sein Handeln selbst verantwortlich ist, muss er durchschauen können, was er tut und wozu und warum er es tut. – Je nach Situation können aus einer solchen Haltung verschiedene konkrete Handlungsweisen folgen.

Wie sich der Ausbau einer Dialogischen Kultur im Einzelnen auswirken kann, findet man aus unterschiedlichen Perspektiven beschrieben in den beiden Neuausgaben der Forschungsstelle, die, überarbeitet und erheblich erweitert, im Oktober 2024 erscheinen:

• Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur. 84 Seiten.

• Karl-Martin Dietz: Heute lässt sich doch keiner mehr führen! Götz W. Werners Beitrag zur Dialogischen Unternehmenskultur. 100 Seiten.

Eine Vorstellung der beiden Neuausgaben folgt im nächsten Newsletter.

Herzlich grüßt im Namen der Mitwirkenden der Forschungsstelle
Karl-Martin Dietz



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Newsletter Dialogische Kultur | März 2024
 
 
Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank für Ihr Interesse an der neu eingerichteten Forschungsstelle Dialogische Kultur!
Der Anlass vor etwa 30 Jahren, im damaligen Hardenberg Institut die Dialogische Kultur zu entwickeln, waren Herausforderungen, die sich insbesondere durch grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt abzeichneten. Von Anfang an wurde dabei das Anliegen verfolgt, Wege zu ebnen, wie eigenständige Menschen "im Sinne des Ganzen" zusammenwirken können.

Seither haben sich die Verhältnisse bis in den Alltag hinein rasant verändert. Das stellt uns in mehrfacher Hinsicht vor noch größere Herausforderungen und bedarf einer Weiterentwicklung der Dialogischen Kultur.
Wir haben deshalb eine spezielle Forschungsstelle zu dieser Problematik eingerichtet, welche diese von zwei Seiten aus angehen möchte:

1. Innere Bedingungen und soziale Wirksamkeit einer Dialogischen Kultur
(K.-M. Dietz)

2. Mitmenschlichkeit in der Geistesgeschichte – ein blinder Fleck des Individualismus
(A. Sandtmann)

 

Zu Projekt 1:

Das erste Projekt entwickelt die Dialogische Kultur weiter vor dem Hintergrund, dass sich die Lebensverhältnisse in zweifacher Hinsicht verändert haben. Zum einen wächst die Notwendigkeit, weltweit immer enger zusammenzuarbeiten. Selbst in kleineren Unternehmen und Organisationen gibt es gegenwärtig kaum noch einen Bereich, in dem nicht weit über Europa hinausreichende Verhältnisse eine Rolle spielen. Das wird z. B. auf schmerzhafte Weise spürbar, wenn dringend benötigte Arzneimittel plötzlich nicht mehr verfügbar sind, weil die Zulieferung der Rohstoffe ins Stocken geraten ist – oder wenn Handwerksbetriebe aufgeben, weil nicht nur der Nachwuchs fehlt, sondern auch die notwendigen Materialien Mangelware geworden sind. Ähnliche Phänomene zeigen an vielen Stellen, dass wir mit einzelnen Ereignissen nicht zurechtkommen, wenn wir nicht ständig den Gesamtzusammenhang berücksichtigen.

Wir müssen das Ganze in den Blick nehmen, um im Einzelnen gestalten zu können. Wo aber fängt das Ganze an? Wo hört es auf? Und vor allem: Wodurch wird das Ganze zu einem Ganzen? Worin besteht seine innere Qualität? – Das ist heute keine abgehobene Frage mehr, für die sich nur "theoretische Köpfe" interessieren. Vielmehr bedürfen Fragen dieser Art unserer täglichen Aufmerksamkeit.

Zum anderen werden die Lebensverhältnisse von vielen als immer weniger berechenbar, deutbar und fassbar erlebt – Stichwort "VUCA-Welt". Für die Wirtschaft bedeutet das z. B., dass sich immer mehr Unternehmen vor das Problem gestellt sehen, nicht mehr sicher vorausplanen zu können. Überraschend auftretende Unwägbarkeiten verschiedener Art stellen das traditionelle Verständnis von "Führung" massiv in Frage.
So nehmen die gewohnten Wege vom Eintreten einer Herausforderung bis zur Entscheidung in der Chefetage und wieder zurück zur Ausführung zu viel Zeit in Anspruch. Es ist längst erkannt worden, dass, wer nach herkömmlichem Muster führen will, kaum noch etwas erreicht. Manche Entscheidungen sind schon überholt, bevor sie gefällt werden!

Um diesem Problem abzuhelfen, sind in letzter Zeit "agile" Verfahren entwickelt worden, die zu einer Beschleunigung führen. Aber offen bleibt immer noch: Wie können diejenigen, die vor Ort arbeiten, die ungewohnten Situationen, in die sie ständig geraten, selbst sinnvoll steuern? – Diese Frage, mit der die Dialogische Kultur schon länger umgeht, bleibt herausfordernd.

 

Zu Projekt 2:

Das zweite Projekt stellt die Frage, wie die inzwischen unübersehbaren Schattenseiten eines einseitig verstandenen Individualismus überwunden werden können, ohne seine Errungenschaften zu verlieren. Moderne Gesellschaften gründen mit Selbstverständlichkeit auf der autonomen Persönlichkeit, dem selbständigen Individuum – ein wertvolles Erbe der Aufklärung, das sich bis in die Verfassungen freiheitlich-demokratischer Staaten niedergeschlagen hat. Der im Kant-Jubiläumsjahr oft zitierte Wahlspruch der Aufklärung "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" erweist sich als hochaktuell angesichts von medialen Manipulationen und subtilen Beeinflussungen aller Art, denen wir regelmäßig ausgesetzt sind.

Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass dieser Mut nicht selten einem Übermut weicht, mit dem trotzig auf die eigene Sichtweise gepocht wird und der taub macht für die Perspektiven anderer. Liegt bei einer solchen Abkapselung vielleicht eine Art von sozialer Selbstisolation vor, deren allmähliche Vorbereitung sich in der Geistesgeschichte beobachten lässt? Sprachgewohnheiten wie z. B. im Wort "Umwelt" zeigen, wie sehr wir dazu neigen, uns vor allem als Einzelwesen zu sehen: Ganz selbstverständlich sehen wir uns im Mittelpunkt und setzen uns von unserer "Umwelt" ab – die Welt als bloße Umgebung. Erst mit dem stärkeren Erwachen eines ökologischen Bewusstseins wurde der Gebrauch dieses Wortes hinterfragt und so wird es inzwischen teilweise durch "Mitwelt" ersetzt. In der abendländischen Geistesgeschichte fällt auf, dass zwar viel entwickelt wurde zur Ausbildung eines differenzierten Verhältnisses des Menschen zu sich selbst, aber vergleichsweise wenig, um den Menschen als Beziehungswesen zu verstehen.

Welche Ansatzpunkte gibt es, die beschriebene Selbstisolation zu überwinden, ohne dabei das Individuelle aufzugeben? Wesentliche Anregungen finden sich beispielsweise bei Martin Buber: "Die fundamentale Tatsache der menschlichen Existenz ist der Mensch mit dem Mitmenschen", nicht der Mensch für sich allein. In dem Projekt werden neben Buber weitere Denker zu Worte kommen.

 

In folgenden Ausgaben des Newsletters wollen wir die Projekte genauer vorstellen und auch einen Vorblick auf Publikationen der Forschungsstelle geben, die derzeit in Arbeit sind. – Wenn bei Ihnen, den Leserinnen und Lesern, Fragen entstehen, auf die zum Beispiel im Newsletter eingegangen werden sollte, teilen Sie uns diese bitte ohne Weiteres per E-Mail info@dialogischekultur.de oder über das Kontaktformular auf der Website mit.

Herzlich grüßen im Namen der Mitwirkenden in der Forschungsstelle
Karl-Martin Dietz       Angelika Sandtmann

 

Forschungsstelle Dialogische Kultur gemeinnützige GmbH
Hauptstraße 59, 69117 Heidelberg
Tel. 06221-618991, E-Mail: info@dialogischekultur.de
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